Liam Martyn

Am 05. 12. 2006 um 09:02 kam Liam Martyn in unser Leben.

 

Gut drei Jahre haben wir auf die Erfüllung des Kinderwunsches gewartet.

 

Im Februar 2006 musste ich aufgrund chronischer, kaum aushaltbarer Bauchschmerzen operiert werden. Mein Bauch war mit Wucherungen (Endometriose) übersät, die bis zum Rand der Gebärmutter reichten. Nach diesem schwerwiegenden Eingriff wollte ich nur noch schmerzfrei und gesund werden. Mein größter Trostspender in dieser Zeit war unser Hund Safir.

 

Kaum ein Monat später geschah das große Wunder und ich erlebte die Entstehung des Lebens in meinem Bauch. Das Glück war jedoch aufgrund der Umstände gedämpft.

 

Die Schwangerschaft verlief anfangs völlig problemlos. Morgendliche Übelkeit war ein Fremdbegriff und ich war mehr als dankbar darüber. In der 24. Schwangerschaftswoche entschied sich Liam Martyn genug von dem wohligen Schutz meines Bauches zu haben und ich verbrachte mit Eröffnungswehen fast zwei Wochen im Krankenhaus. Bis zum Schluß wurde ich mit wehenhemmenden Mitteln versorgt und durfte achtsam sein.

 

Ca. 3 - 4 Wochen vor dem errechneten Geburtstermins (17.12.2006) erwachte mein intuitiver Mutterinstinkt. Seit zwei Tagen spürte ich kaum mehr die Bewegungen meines Babys.

 

Die Nabelschnurwerte waren schlechter geworden und auch der Herzschlag schien verlangsamt. Das galt es nun zu beobachten. Eine Woche später waren die Werte noch tiefer gesunken.

 

Ein am 05.12.2006 morgendlicher Ultraschall ergab plötzlich keine Herztöne mehr. Es wurde alles für einen Notkaiserschnitt mit Vollnarkose vorbereitet.

 

Im wahrsten Sinne fünf Minuten vor Zwölf durchströmte eigene Luft die Lungen von Liam Martyn.

 

Wir waren gesegnet. Vom Krankenhaus nach Hause schlief mein Baby von Anfang an durch. Zum Wickeln und Trinken durfte man ihn aufwecken, regelrecht daran erinnern.

 

Die erste Zeit verlief weitestgehend harmonisch. Es war jedoch eine seltsame Ruhe.

 

Mit einem halben Jahr fielen uns im Vergleich zu einem anderen Baby aus unserem Bekanntenkreis, zwei Wochen zuvor geboren, doch Entwicklungsrückstände auf. Zuerst dachten wir noch an einen möglichen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen, aber die Verzögerungen blieben, vergrößerten sich sogar ersichtlich.

 

Hände ausstrecken oder generell das Bedürfnis nach Nähe gab es nicht. Kein Krabbeln, kein Hochziehen. Mit knapp zwei Jahren lernte Liam Martyn dann doch zu laufen.

 

Die Sprachentwicklung blieb jedoch vorerst völlig aus. Einige Stereotypien und andere Auffälligkeiten brachten uns dann auf die Vermutung, dass es eine Form des heute unter dem medizinischen Begriff "Autismus" sein könnte. Diese wurde, wenn auch nicht zu 100% sicher, schlußendlich bestätigt.

 

Seit dem ersten Lebensjahr haben wir mit Liam Martyn einiges an Möglichkeiten schulmedizinisch, als auch alternativ in Anspruch genommen. Darunter Physiotherapie, Ergotherapie, heilpädagogisches Reiten, Delphintherapie, verschiedene Therapieferien für Menschen mit besonderen Bedürfnissen bzw. später speziell für Kinder & Jugendliche im Autismusspektrum.

 

Unsere Bemühungen sollten belohnt werden und so kam es, dass Liam Martyn innerhalb der zweiten Delphintherapie seine ersten Worte im Becken mit den sanften Säugetieren sprach: MAMA.

 

Liam Martyn ist heute ein sehr aufgewecktes Kind dessen Mund gar nicht mehr still stehen mag. Er ist sehr interessiert an Naturgewalten jeglicher Art - Vulkane, Tornados, Hurrikans, Sandstürme, Blizzards, Erdbeben und Tsunamis. Es entspricht teilweise seinem aus der Sekunde heraus impulsiven Wesen. Blitz und Donner verursachen seit ca. eineinhalb Jahren kurze epileptische Anfälle in seinem Gehirn.

 

In Momenten der absoluten Stille und wenn man ganz aufmerksam ist, bemerkt man sein Anderssein.

 

Die wohl herausfordernsten, andauernden Punkte in unserem alltäglichen Familienleben sind das selbständige Anziehen und Essen, sauber werden und ein Potential zur Aggression, meist ausgelöst durch negative Schwingung (Angst, Ärger, Wut, ...) empathisch erspürt bei den Mitmenschen bzw. Geräuschen (Fenster putzen, quietschende Rollen bei Koffern, ...).

 

Wir waren lange auf der Suche nach Erklärungen für Liam Martyns Anderssein. Man ist in der Annahme, dass wenn man einen Namen, eine Diagnose, wie "Autismus" dafür bekommt, den Schlüssel gefunden hat.

 

So wie unsere Hautfarbe, welches äußere Erscheinungsbild uns formt, wo wir geboren sind, aus welchem Umfeld wir kommen, welchem Glauben wir zugewandt sind, ist jeder Mensch für sich einzigartig, individuell und besonders. Es geht auch ohne Stempel!

 

Liam Martyns besondere Bedürfnisse haben mich auf einen wundervollen Pfad der Bestimmung, der Erkenntnis, gebracht. Wir haben nie aufgegeben. Wir wollten dieses Kind verstehen, bestmöglichst unterstützen, wenn es uns auch durchaus an die Grenzen unserer eigenen physischen und psychischen Kräfte bringt und die Partnerschaft zu Liam Martyns Vater keinen Bestand hat. Es ist eine sehr gute Freundschaft entstanden, die uns immer verbunden hat, und wir leben eine wahre Bilderbuchpatchworkfamilie.

 

Heute um viele Erfahrungen reicher, genießt Liam Martyn Anwendungen für Körper, Geist und Seele, die ihn sichtlich berühren, beruhigen und achtsam in seinem Sein unterstützen.

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© Angelika & Ivo Andreas SCHNEIDER