Loslassen

Ein Weiser ist mit seinem Schüler auf Wanderschaft gewesen. Da beide Mönche waren, war es ihnen auf das Strengste untersagt, in Kontakt mit Frauen zu kommen. Weder mit ihnen zu sprechen, noch sie zu berühren.

 

Auf der Wanderschaft kamen sie an einen Fluss und am Ufer stand eine Frau und durch die starke Strömung hatte sie Angst, den Fluss zu überqueren.

 

Der Schüler ging voran und die Frau bat ihn um Hilfe. Doch der Schüler ignorierte die Worte und durchquerte den Fluss, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

 

Der Meister nahm die Frau auf den Arm und trug sie über den Fluss und setzte sie auf der anderen Seite ab und wünschte ihr einen schönen Tag.

 

Der Schüler war außer sich vor Wut und las seinem Meister die Leviten: "Du hast mit der Frau geredet und du hast sogar ihren Körper berührt und sie getragen. Wie kannst du nur mein Meister sein! Du bist voller Sünde!"

 

Der Meister meinte nur: "Ich tat das, was das Leben von mir verlangt hat."

 

Der Schüler verstand ihn nicht und schimpfte weiter zwei Stunden auf den Meister ein. Doch er gab keine Antwort mehr. Der Schüler wurde immer wütender und bat den Meister um eine Stellungnahme.

 

Der Meister schaute ihn an und meinte: "Ich habe getan, was das Leben von mir verlangt hat. Ich nahm die Frau, trug sie über den Fluss, setzte sie auf der anderen Uferseite ab, verabschiedete mich und ich ließ sie dort. Du aber trägst sie seit zwei Stunden immer noch bei dir. Ich habe sie dort gelassen."

 

 

Loslassen heißt auch Dinge annehmen, ändern, handeln und dann seinen Weg weitergehen, ohne sich ständig auf das zu konzentrieren, was man nicht mehr haben möchte.

 

Liebe lässt frei und hält nicht fest.

 

(frei nach Pascal Voggenhuber)

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Angelika & Ivo Andreas SCHNEIDER